Ab auf die Couch

Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Karl Blessing Verlag (11. März 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 389667496X
ISBN-13: 978-3896674968

http://www.randomhouse.de/blessing/index.jsp



Hauptsache gestört – müssen wir alle zur Therapie?

In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft mit hohem Leistungsdruck nehmen psychische Probleme zwangsläufig zu. Die drei Behandlungsmethoden, die in Deutschland von den Krankenkassen anerkannt werden – Tiefenpsychologische Psychotherapie, Psychoanalyse und Verhaltenstherapie – reagieren darauf, indem sie jeder psychischen Störung Krankheitswert zuweisen. Arbeitssucht, Internetsucht, Burn-out, Depression usw. – jedes Problem erscheint plötzlich therapiewürdig. Gleichzeitig steigt die Einnahme etwa von Antidepressiva beinahe um das Fünffache: Ein Volk wird für psychisch pathologisiert und psychopharmakologisch angefüttert.

Michael Mary wirft einen kritischen Blick auf die Entwicklung der Psychotherapie. Denn seit sie unter staatliche Aufsicht gestellt ist, geht es mit ihr bergab. Um Menschen mit normalen Problemen oder durch Krisen begleiten zu können, müssen sie für psychisch krank erklärt und in ein fragwürdiges Diagnose- und Behandlungssystem gezwängt werden. Dabei wird so getan, als könnte Psychotherapie wissenschaftlich sein, als wären Gutachten und Diagnosen objektiv und als könnte Effizienz garantiert werden.

Der Autor zeigt aber, dass die meisten psychischen Probleme keinen Krankheitswert haben, sondern in Wahrheit schon den Keim zu ihrer Lösung in sich bergen. Daher kann nur ein Therapeut, der sich nicht an Vorgaben und Ziffern orientiert, sondern der sich auf sein Gegenüber einlässt, nicht in Form einer Behandlung, sondern nur in Form einer Beletigung gemeinsam mit dem Klienten einen Weg aus einer Krise finden. Zudem entwirft der Autor im Buch den Grundriss einer „Psychotherapie des Graubereichs“. Damit ist eine Psychotherapie gemeint, die in psychischen Problemen ganz normale Phänomene sieht - die unvermeidbar in einer Gesellschaft entstehen, in der man nicht mehr mit einer einzigen Identität auskommt, in der man nicht mehr nur eine Person sein kann, in der man nicht über eine klar definierte Persönlichkeit verfügt, sondern in der man gezwungen ist, 'viele' Personen zu sein.

Hier wird unser Behandlungs und Diagnosesystem richtig unter die Lupe genommen. Es wird aufgezeigt das die Kassen und das Gesundheitssystem, Psychotherapeuten in das medizinische Modell hineindrücken, aber nicht alles wissenschaftlich gesehen werden kann. Nicht jeder ist krank, wenn er eine Lebenskrise hat, die durch z.B. Tod oder Scheidung hervorgerufen wird. Der Autor zeigt hier die Schwierigkeiten bestens auf. Auch brauche ich nicht in jeder Krise Psychopharmaka zu mir nehmen. Es ist ein sehr gutes Buch, in dem offen angesprochen wird, das im ganzen Gesundheitssystem auch Krankheiten erfunden werden und nicht alles so klar ist wie es scheint.
Absolut lesenswert und eine volle Kaufempfehlung